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Programmbericht der Landesmedienanstalten: Kritik an Informationssendungen bei Privatsendern

18.05.2010 22:00 | ALM (Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten)

RTL und Sat.1, die beiden Marktführer im Bereich der privaten Fernsehvollprogramme, unterscheiden sich immer stärker in dem Stellenwert, den sie ihren Nachrichtensendungen einräumen. Während das gesamte Nachrichtenvolumen von RTL relativ konstant bei ca. 60 Minuten pro Tag liegt, ist es bei Sat.1 seit 2007 kontinuierlich abgesunken – auf mittlerweile ca. 30 Minuten pro Tag.

Derselbe Trend ist zu beobachten, wenn man alle Vollprogramme der beiden privaten Senderfamilien, RTL Group und ProSiebenSat.1 Media AG, vergleicht. Das gemeinsame Nachrichtenvolumen von Sat.1, ProSieben und kabel eins liegt unter einer Stunde pro Tag. RTL, RTL II und VOX kommen zusammen auf 1 Stunde und 45 Minuten.

Das ist einer der Befunde zum Fernsehen in Deutschland, die im neuesten Programmbericht der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM) in Berlin vorgestellt wurden. „Der Programmbericht dokumentiert eine Entwicklung, auf die die Landesmedienanstalten bereits reagiert haben. Gegen den Trend, aus Renditegründen auf mehr und mehr Nachrichten und Informationsprogramme zu verzichten, muss etwas getan werden. Um es ganz klar zu sagen: Informationen über das aktuelle Zeitgeschehen und seine Hintergründe sind Wesensmerkmale von Vollprogrammen, die nicht zur freien Disposition stehen“, so der Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), Thomas Langheinrich. Um zeitnah die Informationsvielfalt in privaten Fernsehvollprogrammen zu sichern, wollen die Landesmedienanstalten in Gesprächen mit der RTL-Mediengruppe und der ProSiebenSat-1-Gruppe eine Einigung auf unverzichtbare Mindestinhalte in den Programmen erreichen, so Langheinrich weiter. Das soll vor allem für die reichweitenstärksten Vollprogramme gelten. Im Gegenzug sollen die Sender positive Anreize erhalten.

Private Programme verzichten immer mehr auf politische Berichterstattung

Zwar unterscheiden sich die privaten Vollprogramme und Senderfamilien im Umfang ihrer Nachrichtenangebote, so der Programmbericht. Was sie jedoch verbindet, ist der geringe Stellenwert der Politik als potentieller Gegenstand von Nachrichtenbeiträgen. „In der Regel wird in diesen Programmen weniger als ein Drittel der verfügbaren Nachrichtenzeit für die politische Berichterstattung verwendet. Umgekehrt ist die politische Informationsleistung der privaten Vollprogramme weitgehend auf das beschränkt, was im Rahmen von Nachrichtensendungen über Politik berichtet wird. Das gilt besonders für die Vollprogramme der ProSiebenSat.1 Media AG“, erläutert der wissenschaftliche Leiter der Göfak Medienforschung GmbH, Potsdam, Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß. Lediglich bei RTL sind in etwa im gleichen Umfang wie in den Nachrichten weitere politische Beiträge in Magazin-, Reportage- und Dokumentationssendungen zu finden. Gleichzeitig ist der Anteil an Boulevard-Themen bei RTL am höchsten.

Neue Anforderungen für Vollprogramme

Auf Grund dieser Entwicklung wollen die Landesmedienanstalten darum zukünftig konkrete Anforderungen an die Inhalte von Vollprogrammen anhand ihrer Reichweite staffeln. „Da die Qualität von Nachrichten- und Informationsangeboten mit ihrer nichtmöglichen Refinanzierbarkeit auf den jeweiligen Sendeplätzen zusammenhängt, die sich mit zunehmender Reichweite des Programms verbessert, kann man von Fernsehvollprogrammen mit großer Reichweite grundsätzlich mehr verlangen als von solchen mit geringer Reichweite“, erläutert Prof. Dr. Norbert Schneider, langjähriger Programmbeauftragter der Landesmedienanstalten. Die Landesmedienanstalten wollen in diesem Zusammenhang gegebenenfalls gemeinsam mit den Sendergruppen ein Gutachten in Auftrag geben, das die rechtlichen Möglichkeiten eines Anreizsystems für Vollprogramme ausloten soll.

Jugendschutz braucht gesellschaftlichen Konsens

Kontrovers diskutiert wird im Programmbericht auch die Mitwirkung von Kindern in Formaten wie „Erwachsen auf Probe“ oder „Die Super-Nanny“. Sie ist umstritten und immer wieder Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen von Kinder- und Jugendschützern, Fernsehproduzenten und Aufsichtsgremien. Für den Vorsitzenden der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring steht fest: „Wenn man solchen Formaten etwas Positives abgewinnen möchte, ist es die Tatsache, dass sie eine Debatte über mögliche Grenzen von Medieninhalten ausgelöst haben. Und diese Debatte brauchen wir, um die Herausforderungen für einen besseren Jugendmedienschutz in Deutschland auch in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Konvergenz der Medien erfolgreich meistern zu können“.

Über den ALM-Programmbericht

Seit 1998 werden im Rahmen der Fernsehprogrammforschung der Landesmedienanstalten konti-nuierlich die privaten Fernsehvollprogramme der RTL Group (RTL, VOX und RTL II), der ProSieben-Sat.1 Media AG (ProSieben, Sat.1, Kabel1) sowie der beiden öffentlich-rechtlichen Programme ARD/Das Erste und ZDF inhaltsanalytisch untersucht: Wenn man wissen will, wie hoch der Nachrich-tenanteil dieser Programme ist, wie viel Prozent der täglichen Sendezeit durch Wiederholungen be-stritten werden oder welche Bedeutung Politik im Fernsehen heute noch hat – im aktuellen ALM Prog-rammbericht 2009 kann man fündig werden. In der aktuellen Ausgabe wird darüber hinaus ein beson-derer Augenmerk auf die sog. „Prime Time“ – die beste Sendezeit – gelegt. Neben den Ergebnissen der kontinuierlichen Fernsehprogrammforschung und einem Blick auf die vollkommen anders struktu-rierte Fernsehmärkte in der Schweiz und Österreich finden sich in dem Band Beiträge zu drei Einzel-studien, die von unterschiedlichen Forschergruppen zur Formatierung und inhaltlichen Gestaltung der Regionalfenster von RTL und Sat.1, zum Fernsehformathandel für Unterhaltungsproduktionen und zu Wissenschaftsformaten im deutschen Fernsehen durchgeführt wurden. Sie werfen interessante und zum Teil überraschende Schlaglichter auf die Hintergründe der Produktion von Fernsehinhalten.

Bibliografischer Hinweis: Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland – ALM (Hrsg.): Fernsehen in Deutschland 2009. Programmforschung und Programmdiskurs. Berlin: VISTAS 2010 (19,-- €).

Quelle/Pressekontakt: Axel Dürr, Pressesprecher, c/o Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK)
Bild: © dpa

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